07. September 2010
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Kassensanierung: Generika gegen die Pleite?

Generikaverschreibungen sollen die Kassen sanieren – bei gleichem Nutzen. Manche Experten äußern allerdings Zweifel an diesem Paradigma.

Der vermehrte Einsatz von Generika: Wenn es um Ideen geht, wie die Krankenkassen Geld einsparen sollen, kommt dieser Vorschlag so sicher wie das Amen im Gebet. Unter dem Motto „Kassensanierung: Generika als Krisenrezept?“ machten sich vorige Woche bei einer Diskussionsveranstaltung in Wien Experten Gedanken über die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme. Und zumindest zwei von ihnen sahen – in Abweichung von der gängigen Sichtweise – in Generika nicht das Heilmittel für die Finanzkrise der Kassen.

Gesamtkosten.

„Durch den Wechsel von Originalpräparaten zu Generika werden weder die Patienten noch die Krankenkassen profitieren“, behauptet Dr. Ernest Pichlbauer. Zum einen, sagt der Gesundheitsökonom in Berufung auf wissenschaftliche Studien, sinke durch den Wechsel die Compliance der Patienten; und die nachlassende Therapietreue wiederum ziehe erhebliche Kosten nach sich. Zum anderen sei es ein grundsätzlicher Denkfehler, bei Medikamenten nur auf die Herstellerpreise zu achten. Entscheidend seien die Kosten, die durch die Wirkung eines Medikamentes eingespart wurden.

„Generika sind viel zu teuer. Wenn man wirklich etwas einsparen mochte, dann dürfen sie nicht das kosten, was sie jetzt kosten“, meint Univ.-Prof. Dr. Eckhard Beubler, Vorstand des Instituts für Experimentelle und Klinische Pharmakologie der Medizinischen Universität Graz. Doch sein Haupteinwand gegen den großflächigen Einsatz von Generika ist medizinischer Natur: „Selbst bei gleicher Bioäquivalenz können zwei Präparate nicht einfach gegeneinander ausgetauscht werden.“

Wirklich äquivalent?

Mit dem Begriff „Bioäquivalenz“ wird die Austauschbarkeit zweier Präparate bewertet. Grundlage der Bioäquivalenz ist die Blutspiegelkurve, welche die zeitliche Änderung der Konzentration eines eingenommenen Präparats im Blut darstellt. Als Maß für die Bioäquivalenz wird gemeinhin die Flache unter der Blutspiegelkurve (AUC, area under the curve) genommen. Bioäquivalenz zwischen einem Originalpräparat und einem Generikum besteht dann, wenn sich aus den Blutspiegelkurven beider Wirkstoffe bei gleicher Dosierung die gleiche AUC errechnen lasst. Generika müssen in Osterreich durch Studien Bioäquivalenz in Bezug auf das Original nachweisen, wobei Abweichungen von 80 bis 125 Prozent erlaubt sind. Pharmakologe Beubler erläutert, dass zwar die AUC zweier Präparate identisch, die Wirkung aber komplett unterschiedlich sein kann: ein Präparat, das gar nicht die therapeutische Konzentration erreicht, dafür aber langer im Blut bleibt, kann ebenso die scheinbar richtige AUC aufweisen wie ein Präparat, dessen Wirkung in toxische Bereiche vorstößt, aber dafür schneller abgebaut wird. Ob diese Faktoren bei der Zulassung eines Generikums mit einbezogen werden, lasst sich aber nicht nachprüfen: „Die Zulassungsdaten von Originalpräparaten sind publiziert, die Daten von Generika – zumindest in Europa – sind geheim“, kritisiert Beubler.

„Switch“ als Problem.

Auch die altersspezifische Wirkung oder die notwendigen Einnahmebedingungen konnen sich von Original-zu Nachbaupraparat wesentlich unterscheiden: Beubler nennt publizierte Beispiele von Medikamenten, die bei 21-Jahrigen, nicht aber bei 15-Jahrigen austauschbar waren, oder Generika, die nur bei Einnahme im nüchternen Zustand ihre Wirkung entfalten, wahrend das Original auch bei vollem Magen funktioniert. Selbst wenn das „Switchen“ vom Original auf ein Generikum problemlos klappe, so warnt Beubler massiv davor, von einem Generikum auf ein anderes zu wechseln: „Wenn man sich vor Augen fuhrt, was eine Abweichung von 80 bis 125 Prozent bedeuten kann, so ist eine ,Interchangeability‘ nicht zulässig.“ Dazu präsentiert der Pharmakologe eine Rechnung, demnach im Extremfall ein Generikum nur 23 Prozent der Wirkung eines anderen Generikums erreicht.

„Wir hatten gute Grunde für die Ablehnung der Aut-idem-Regelung“, fühlt sich Dr. Gunther Wawrowsky, Obmann der Kurie Niedergelassene Arzte der Österreichischen Ärztekammer, bestätigt. „Generika sind nicht besser oder schlechter als Originalpraparate. Als Arzt verlasse ich mich auf die Ergebnisse und kann so zu der für den Patienten besten – und vielleicht auch ökonomischsten – Verschreibweise finden. Ein Problem bekomme ich allerdings dann, wenn ich nicht weis, welches Präparat der Patient in der Apotheke erhalt“, betont der Kurienobmann.

Mag. Michael Kraßnitzer

© MMA 2009, ärztemagazin 39/2009

Kassensanierung1_Generika
Generika: Zweifel an der Austauschbarkeit, Kritik an einer reinen Orientierung am Herstellerprei