- erweitertes Screening nach Lachs
- Barthel-ADL-Score, IADL-Score nach Lawton und Brody (siehe Seite 11), MMSE nach Folstein, Geriatric Depression Score, Timed-Up-and-Go-Test, Tinetti-Test, Tandem- und Semi-Tandem-Test, Handgrip, Uhrentest nach Shulman u.v.a.
2.2.2 Resident Assessment Instrument (RAI)
InterRAI® wird in Österreich meines Wissens nicht verwendet, obwohl es als Zusatzmodul zum Care-Center – gängiges Programm zur Pflegedokumentation in unseren Senioren- und Pflegeheimen – verfügbar wäre (Fa. C&S Software®). In Amerika dient es zur Verbesserung der Pflegequalität und deren Ssicherung. Es bietet neben der Durchführung von Tests (Minimum Data Set) auch noch Abklärungshilfen und Risikoerkennungstafeln zur Identifizierung von Problembereichen.
3. Das geriatrische Team
3.1 Geriatrische Zentren
In geriatrischen Zentren wird das geriatrische Assessment von einem geriatrischen Team durchgeführt, das aus vielen verschiedenen Disziplinen zusammengesetzt ist. Je größer das Team ist, umso umfangreicher und unübersichtlicher wird die interdisziplinäre Bestandsaufnahme und umso problematischer wird auch die interdisziplinäre Kommunikation. Es macht nicht viel Sinn, unzählige Tests diverser Abteilungen einfach aneinanderzureihen wie die Konsiliarbefunde in manchen Arztbriefen. Meist findet das geriatrische Assessment nur interne Verwendung.
3.2 Extramuraler Bereich
Im extramuralen Bereich ist eine solche umfangreiche interdisziplinäre Form des geriatrischen Assessments nicht möglich, da die entsprechende Infrastruktur fehlt. Hausbesuche werden von Fachärzten nur selten durchgeführt. Die Kosten für eine Ergotherapie werden nur beim apoplektischen Insult von der AVOS übernommen. Mit anderen Worten, das geriatrische Team reduziert sich im Wesentlichen auf zwei Personen: den Hausarzt als interdisziplinären Arzt und die diplomierte Hauskrankenpflege bzw. das diplomierte Pflegepersonal im Seniorenheim.
4. Anforderungen
Voraussetzung ist eine exakte Diagnostik. In der alltäglichen Praxis ist es selbstverständlich, dass wir zur Beurteilung des Blutdrucks, des Pulses und der Laborwerte Messinstrumente verwenden, die den Testgütekriterien entsprechen. Das Gleiche müssen wir auch von Testinstrumenten fordern, die wir für die Beurteilung der Funktionalität verwenden wollen.
4.1 Validitätskriterium
Das Validitätskriterium ist eines der klassischen Testgütekriterien auch für psychosoziale Testverfahren. Bei einem Blutdruckapparat zu fordern, dass dieser den Blutdruck misst und nicht die Körpertemperatur, erscheint jedem von uns mit Recht banal; nicht so bei psychosozialen Testverfahren oder Instrumenten zur Beurteilung der Funktionsautonomie. Einer der bekanntesten Tests des geriatrischen Assessments ist der MMSE(Minimental State Examination)-Test nach Folstein zur Beurteilung der Demenz. Hier wäre die Validität nicht gewährleistet, wenn sich der Klient in einem akuten Verwirrtheitszustand, in einem Durchgangssyndrom oder in einer schweren depressiven Episode befindet. Auch Presbyakusis, Presbyopie, Katarakt und der Tremor beim Morbus Parkinson können die Validität einzelner Teilbereiche des Tests beeinträchtigen.
4.2 Reliabilitätskriterium
Das Testverfahren muss zuverlässig und unter gleichen Bedingungen auch replizierbar sein. Das Testverfahren muss also arm an Messfehlern sein. Die Reliabilität setzt eine Validität voraus. Bei der Messung des Blutdrucks ist diese Anforderung wieder banal und selbstverständlich, vorausgesetzt, man misst den Blutdruck immer unter gleichen Bedingungen zum Beispiel in Ruhe und zur gleichen Tageszeit. Beim MMSE, aber auch beim ADLScore sind gleiche Bedingungen nicht immer gewährleistet. Der ADL-Score dient zur Ermittlung der Aktivitäten des täglichen Lebens und stellt den Goldstandard des geriatrischen Assessments dar. Es gibt Tage, an denen sich der Klient selbstständig waschen kann, und solche, an denen dies nicht möglich ist, ohne dass eine akute Erkrankung dahintersteckt. Die ADL-Fähigkeiten unterliegen erheblichen Schwankungen und können also tageweise sehr variieren. Verfälscht ein Delir die Validität des MMSE, ist natürlich auch die Reliabilität des MMSE nicht mehr gewährleistet.
4.3 Objektivitätskriterium
Das Testverfahren muss genau beschrieben sein und darf vor allem nicht durch den Untersucher beeinflusst werden. Bei der Untersuchung durch eine dritte Person muss das gleiche Ergebnis herauskommen. Dazu muss das geriatrische Team (Assessment-Arzt und Assessment-Pflegepersonal) entsprechend geschult werden. Ideal wäre natürlich, wenn gleiche Tests sowohl im extra- als auch im intramuralen Bereich Verwendung finden würden.
4.4 Utilitätskriterium
Die Durchführung der Tests darf nicht zu kompliziert aufgebaut sein. Ideal wäre eine EDV-unterstützte Version mittels Palm- Held zur Dokumentation am Krankenbett.
Um Schwankungen vor allem beim Barthel-Score und IADL-Score auszugleichen, soll ein Beobachtungszeitraum von einer Woche anberaumt werden. Wenn an mehr als drei Tagen die Tätigkeit selbstständig durchgeführt werden kann, erfolgt die Codierung „selbstständig“ (10 bzw. 15 Punkte). Wenn an mehr als drei Tagen die Tätigkeit nur mit Hilfe durchgeführt werden kann, erfolgt die Codierung „mit Hilfe“ (5 Punkte) und so fort. Dies wird unter anderem beim MDS (Minimum Data Set) des RAI so gehandhabt.
Um die Validität und Reliabilität von Tests wie dem MMSE zu verbessern, sollte dieser immer in gewohnter Umgebung und auch in Zusammenschau mit dem IADL oder ADL-Score beurteilt werden. Eine Verschlechterung im MMSE und Uhrentest führt meistens auch durch eine Apraxie zu einer Verschlechterung der Aktivitäten des täglichen Lebens. Vor allem beim Barthel-Score muss genau definiert sein, ob professionelle Hilfe oder Laienhilfe bei der Vergabe von fünf Punkten notwendig ist. Nur wenn die Durchführung der einzelnen Tests akribisch genau beschrieben ist und das Assessment-Team in gleicher Weise vorgeht, ist die Objektivität gewährleistet.
5. Ziele
5.1 Pflegequalität
Das geriatrische Assessment liefert Informationen über Art und Umfang der erforderlichen Pflege. Eine übertriebene und nicht indizierte Hilfestellung bei Aktivitäten kann zur „erlernten Hilflosigkeit“ führen. Der Patient wird dadurch in die Rolle des hilflosen, pflegebedürftigen Greises hineingedrängt. Sehr oft heißt die Devise: „Viel hilft viel!“ Das führt nicht nur dazu, dass der Patient mit Pflegemaßnahmen und Therapien überfüttert, ja unter Umständen sogar überfordert und letztendlich vollkommen entmündigt wird. Mithilfe des geriatrischen Assessments kann man eine maßgeschneiderte Pflege durchführen, die den individuellen Bedürfnissen angepasst ist. Man kann den tatsächlichen Hilfebedarf bei der Nahrungsaufnahme sowie bei der täglichen Toilette feststellen.
5.2 Hilfe bei Diagnostik & Therapie
Es ist nicht immer leicht zu entscheiden, ob eine diagnostische oder therapeutische Maßnahme beim geriatrischen Patienten noch zumutbar ist. Ein zunehmender gemessener Verlust der Funktionsautonomie erleichtert dem Arzt die Entscheidung, eine bestimmte belastende Untersuchung unter Umständen zu unterlassen.
5.3 Hilfe bei Platzierungswechsel
Der Klient kann selbst an der Verschlechterung der einzelnen Tests erkennen, dass die Sturzgefahr zugenommen oder sich der ADL-Score verschlechtert hat, und so für einen bevorstehenden Platzierungswechsel vorbereitet werden.
5.4 Rehabilitationsressourcen
Das Ausmaß der Rehabilitation, die Reha-Fähigkeit, die Rehabilitationswilligkeit sowie die Rehabilitationsaussichten können mithilfe des geriatrischen Assessments festgestellt werden. Des Weiteren gibt es Auskunft darüber, ob eine Rehabilitation angezeigt ist, wenn ja, ob eine stationäre Rehabilitation erforderlich ist oder eine Rehabilitation in die Pflegeplanung aufgenommen werden kann. Auch im Rahmen der täglichen Pflege ist Rehabilitation möglich. Wenn ein Patient, nach durchgemachter Erkrankung, in einem geriatrischen Assessment die maximalen Punkte erreicht, also keine Krankheitsfolgen bestehen, kommt es zur Restitutio ad integrum (oder optimum).
Das geriatrische Assessment hilft somit bei der Entscheidung, ob und in welchem Ausmaß eine Rehabilitation möglich ist, indem es Ressourcen aufdeckt. Andererseits ist es auch möglich, dass man sich damit begnügen muss, eine funktionelle Verschlechterung zu verhindern oder unter Umständennur mehr palliativ zu betreuen.
Autor: Dr. Otto Dobretsberger Arzt für Allgemeinmedizin Bergastraße 2, 5760 Saalfelden Redaktion: DDr. Isabella Wessig Dieser Fachartikel wurde vom ÖGAM-Editorboard für das DFP approbiert.
ReviewerInnen:
- Dr. Gustav Kamenski
- Dr. Erwin Kepplinger
- Dr. Ingrid Novotna
Die ReviewerInnen sind um eine ausgewogene und praxisrelevante Darstellung des Themas bemüht. Die vertretenen medizinisch-wissenschaftlichen Inhalte liegen in Letztverantwortung in der Kompetenz des Autors/der Autorin.