07. September 2010
rzte Magazin Medizin Medien Austria

Notfallkarte

Notfälle in der Praxis – Teil 8: Die anaphylaktische Reaktion

Am Anfang einer anaphylaktischen Reaktion können unspezifische Symptome stehen. Das „Daran-Denken“ ist daher hilfreich bei der Diagnosestellung.

Die Anaphylaxie ist eine überschießende Reaktion des Immunsystems und entsteht durch Interaktion eines Antigens (Allergen) mit IgE-Antikörpern an Mastzellen und basophilen Granulozyten. Daneben gibt es anaphylaktoide Reaktionen, die sich im Pathomechanismus, nicht aber im klinischen Erscheinungsbild von der Anaphylaxie unterscheiden.

Unabhängig von der auslösenden Ursache werden vasoaktive Substanzen und Entzündungsmediatoren freigesetzt, die im weiteren Verlauf Art und Stärke der klinischen Manifestation bestimmen. Zu den klassischen Auslösern zählen Insektengifte, Arzneimittel oder Nahrungsmittel.

Klinisch kommt es zum Auftreten von Ödemen, zur Vasodilatation mit Volumenverschiebung in das Interstitium, zum Bronchospasmus sowie zu Haut- und Schleimhautaffektionen. Das zeitliche Intervall bis zum Auftreten der Beschwerden kann Minuten bis Stunden betragen.

Hinzu kommt, dass das klinische Erscheinungsbild stark variiert, weshalb die häufig noch übliche Graduierung der Anaphylaxie (0–4) notfallmedizinisch wenig Stellenwert hat. Gastrointestinale Symptome, Schwindel oder Kopfschmerzen als sehr unspezifische Symptome können tückischerweise am Anfang einer anaphylaktischen Reaktion stehen. In diesem Zusammenhang sind das „Daran-Denken“ und die gezielte Befragung nach etwaigen Auslösern (neue Medikamente, außergewöhnliche Verhaltensweisen etc.) hilfreich bei der Diagnosefindung.

Die Therapie fokussiert auf die Stabilisierung der Vitalfunktionen und die Unterbrechung der entzündlich-immunologischen Kaskade. Sofern möglich, muss das auslösende Agens (z.B. Infusion, Bienenstachel) umgehend beseitigt werden.

Epinephrin (Adrenalin) wirkt der Vasodilatation entgegen, bewirkt eine Weitstellung der Bronchien und verhindert die weitere Freisetzung von Mediatoren. Darüber hinaus führt über eine Verneblermaske inhaliertes Adrenalin zur lokalen Abschwellung der Schleimhäute im Epipharynxbereich. Aufgrund der möglichen Nebenwirkungen ist kontinuierliches Monitoring (Blutdruck, EKG) zu empfehlen. Die kontrollierte Gabe von Volumen unterstützt die Stabilisierung der Hämodynamik.

H1- und H2-Antihistaminika können allergische Reaktionen durch Blockade der Histaminrezeptoren allenfalls abschwächen und bleiben daher milderen Verlaufsformen vorbehalten. Aufgrund des verlangsamten Wirkeintrittes spielen Glukokortikoide zwar in der Akuttherapie eine untergeordnete Rolle, sie können aber einem biphasischen oder verzögerten Verlauf der Anaphylaxie gut entgegenwirken. Ebendiese Möglichkeit des Wiederauftretens der anaphylaktischen Reaktion erfordert eine weitere medizinische Beobachtung des Patienten auch nach einem Abklingen der Symptome.

OA Dr. Johann Kainz

FA f. Anästhesiologie und Intensivmedizin Univ.-Klinik f. Anästhesiologie und Intensivmedizin Medizinische Universität Graz


© MMA 2009, ärztemagazin 27/2009

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