Das Therapieziel bei cP ist heute nicht mehr nur Schmerzbekämpfung, sondern ein Stillstand der Krankheitsaktivität, der immer häufiger gelingt.
Ätiologie und Pathogenese der chronischen Polyarthritis (cP; auch als „rheumatoide Arthritis“ bezeichnet) sind immer noch nicht restlos geklärt. Bekannt ist, dass aufgrund einer Aktivierung von T-Lymphozyten eine entzündlich veränderte Synovia („Pannus“) mit lokal invasivem Charakter entsteht und zur Zerstörung von Knorpel und Knochen führt. Das Endprodukt einer chronisch-fortschreitenden, unbehandelten cP sind zerstörte Gelenke mit entsprechender Einschränkung von Mobilität und Lebensqualität.
1. Epidemiologie
Die jährliche Inzidenz der cP wird mit 30/100.000 angegeben. Die Erkrankung kann in jedem Lebensalter auftreten, zeigt jedoch einen Häufigkeitsgipfel (des Erstauftretens) zwischen 30 und 55. Frauen sind zwei- bis dreimal so oft betroffen wie Männer. Die Prävalenz beträgt hierzulande etwa 1%, variiert jedoch weltweit, je nach ethnischer Zugehörigkeit von 0,1%-5%.
2. Risikofaktoren
Genetik. Eine genetische Disposition ist teilweise als Basis für die spätere Entwicklung einer cP anzusehen - Schätzungen zufolge macht die genetische Ausstattung etwa 50-60% des Gesamt-cP-Risikos aus. Sowohl HLA- als auch Nicht-HLA-Gene dürften dabei eine Rolle spielen.
Östrogen.
Frauen erkranken wesentlich häufiger an cP, was mit dem stimulierenden Effekt von Östrogen auf die T-Helferzellen zusammenhängen könnte. Auch Nulliparität ist ein Risikofaktor für cP, und in den ersten drei Monaten nach einer Geburt, vor allem bei stillenden Müttern, ist das Risiko, eine cP zu entwickeln, erhöht. Orale Kontrazeptiva könnten eine Schutzwirkung haben. Zigarettenrauchen scheint, insbesondere bei genetisch disponierten Personen, sowohl das Risiko, überhaupt eine cP zu entwickeln, als auch das Risiko für einen schwereren Krankheitsverlauf zu erhöhen. Bestimmte Infektionen sind möglicherweise als Trigger für den Beginn des Krankheitsprozesses zu sehen - wobei sich dieser Prozess im Laufe der Zeit möglicherweise verselbstständigt. Als Erreger in Frage kommen Proteus mirabilis, Mykoplasmen und eine Reihe von Viren wie das Epstein-Barr- Virus, Parvoviren und Retroviren. Allerdings ist es trotz vielfältiger Bemühungen der letzten Jahrzehnte bisher nicht gelungen, dies definitiv nachzuweisen.
3. Klinische Bilder
3.1 Typische cP.
Das klinische Bild der typischen cP ist gekennzeichnet von einem langsamen, schleichenden Krankheitsbeginn mit den Hauptsymptomen Schmerz, Morgensteifigkeit und multiple Gelenksschwellungen (Abb. 1). Häufig im frühen Krankheitsverlauf betroffen sind die Metacarpophalangeal( MCP)- und die proximalen Interphalangealgelenke (PIP) der Finger, weiters Handgelenke und Metatarsophalangealgelenke (MTP). Auch Ellbogen-, Schulter-, Knie- und Sprunggelenke sind oft beteiligt.
Morgensteifigkeit ist ein Symptom, das auch bei anderen entzündlichen Gelenksund Muskelerkrankungen vorkommt. Eine Morgensteifigkeit von mehr als einer Stunde ist allerdings typisch für eine aktive cP und kommt bei anderen Erkrankungen kaum vor. Etwa ein Drittel aller cP-Patienten hat einen eher akuten Krankheitsbeginn, der oft mit Muskelschmerzen, Müdigkeit, subfebrilen Temperaturen, Gewichtsverlust und Depression verbunden ist. Bei lang dauernder cP kann es zu Spondylodiszitiden sowie zum Befall von C1/C2 mit atlantodentaler Subluxation kommen (heute selten).
3.2 Monarthritis.
Eine persistierende Entzündung eines einzelnen Gelenks (meist eines großen Gelenks wie Knie, Schulter, Hüfte, Hand- oder Sprunggelenk) kann in Frühphasen gelegentlich die einzige Manifestation einer cP sein bzw. dem Vollbild einer Polyarthritis vorausgehen.
3.3 Extraartikuläre Manifestationen.
Gelegentlich können extraartikuläre cP-Manifestationen wie Pleuritis, Perikarditis, Episkleritis oder Vaskulitis auftreten, doch sind diese Manifestationen im Zuge der verbesserten therapeutischen Möglichkeiten im Laufe des letzten Jahrzehnts sehr selten geworden. Subkutane Rheumaknoten werden häufiger angetroffen. Persistierende nichtartikuläre Symptome wie diffuse Schmerzen, Karpaltunnelsyndrom, Gewichtsverlust, Depression und Müdigkeit können dem Auftreten einer cP vorausgehen.
3.4 Palindromisches Rheuma.
Hier handelt es sich um ein eher seltenes Phänomen, bei dem es zum episodischen Auftreten cP-artiger Erscheinungen kommt, die jedoch nach Stunden bis Tagen wieder abklingen und von Tage bis Monate dauernden symptomfreien Intervallen abgelöst werden. Diese Patienten zeigen genetische und serologische Gemeinsamkeiten mit Personen, die von typischer cP betroffen sind. Eine Studie zeigte, dass weniger als 30% dieser Patienten im weiteren Verlauf tatsächlich eine typische cP entwickeln.
4. Diagnostik
Die klinische Diagnose einer cP ist gerade im frühen Stadium nicht ganz einfach und erfordert eine gewisse klinische Erfahrung. Sie ist aber besonders wichtig, denn man geht heute davon aus, dass bereits im ersten Krankheitsjahr bis zu 80% aller Patienten erste Gelenkdestruktionen aufweisen; diese nehmen im weiteren Krankheitsverlauf an Ausmaß zu. Somit ist eine frühe Diagnosestellung entscheidend für eine rechtzeitig einsetzende Therapie, um Folgeschäden hintanzuhalten und eine möglichst hohe Lebensqualität zu gewährleisten. Es gibt keine einzelne klinische, serologische oder radiologische Untersuchung, die eine sichere cP-Diagnose ermöglichen würde.
Zur differenzialdiagnostischen Abgrenzung von degenerativen Veränderungen siehe Tab. 2. In der Anamnese sollte man unter anderem nach Gelenksschmerzen, Steifigkeit und funktionellen Problemen fragen. In der klinischen Untersuchung geht es unter anderem um Druckschmerzhaftigkeit und Schwellung von Gelenken, Bewegungseinschränkungen und extraartikuläre cPManifestationen.










