4. Individual- oder Massenprävention?
Bei der Risikostratifizierung hinsichtlich Reisethrombose fällt auf, dass nur relativ wenige Personen ein hohes und die meisten ein mehr oder weniger niedriges Risiko aufweisen. Eine Studie von Martinelli zeigte, dass sich durch Flugreisen alleine das VTE-Risiko etwa verdoppelt. Kommt die Einnahme oraler Kontrazeptiva hinzu, so steigt das Risiko etwa auf das 14-Fache. Flugreise plus Thrombophilie erhöhen das Risiko auf das 16-Fache.
In eigenen, zum Teil publizierten, über sieben Jahre zusammengetragenen Daten von Sinzinger und Mitarbeitern zeigt sich folgendes Bild: Insgesamt wurden 111 Patienten (91 Männer, 20 Frauen) mit Reisethrombose im Alter zwischen 33 und 75 Jahren (27 Personen waren über 50) untersucht. Die absolvierte Flugzeit lag zwischen 1,5 und 22 Stunden, im Mittel 10,23 Stunden. Symptome waren 0 bis 95 Stunden nach Ende des Fluges aufgetreten, im Mittel nach etwa 39 Stunden. Bei 81 Patienten, also fast 73%, wurde die Erstdiagnose „Myokardinfarkt“ gestellt. 27% der VTE sind nach Tagflügen, der Rest ist nach Nachtflügen aufgetreten. Erhoben wurde eine Reihe von Daten über jeden individuellen Patienten, weiters Daten über die Flugreise und über das VTE. Darüber hinaus wurden diverse Parameter des Thrombozytenstoffwechsels, der Gerinnung und des Fettstoffwechsels erhoben, und zwar bis maximal sieben Tage nach Rückkehr und maximal 18 Tage nach dem VTE.
Risiko zumeist niedrig.
Das - vielleicht überraschende - Ergebnis: Lediglich zwei Patienten wiesen eine APC-Resistenz auf; ansonsten gab es gegenüber einer Normalpopulation weder im Bereich der plasmatischen Gerinnung noch der Thrombozytenfunktion oder des Prostaglandinsystems irgendwelche Auffälligkeiten. Gegenüber der Normalbevölkerung erhöhte Werte fanden sich lediglich in der Gruppe mit extrem erhöhtem Lipoprotein (a) (> 100mg/dl) und mit einem Defekt im so genannten Plasmafaktor, der die Synthese von Prostaglandin I2 stimuliert. Hingegen scheint die Zahl an Personen mit erhöhtem Homozystein und die Zahl der Raucher in der Gruppe mit Reisethrombose sogar geringer zu sein als in der Kontrollgruppe bzw. der Normalbevölkerung.
Auch die Flugklasse scheint keine wesentliche Rolle zu spielen. Etwa 91% der Fälle traten in der Economy Class auf, 8,1% in der Business Class und 0,9% in der First Class, was auch ungefähr der Sitzverteilung entspricht. Auch Plätze am Fenster und in der Mitte führen offenbar nicht häufiger zu VTE als Plätze am Gang (was allerdings in anderen Studien anders aussieht). Typische Patientencharakteristika in der VTE-Population waren: keine Beinbewegung während des Fluges (86,4%), Alkoholkonsum (81,1%), Grippe/Fieber (49,1%) und Diarrhoe/Dehydratation (23,5%). Versuchte man, die Patienten den beschriebenen Risikogruppen zuzuordnen, so lag kein einziger Patient in der Hochrisikogruppe; 27% hatten ein mittleres, 73% ein niedriges Risiko. Kein Patient trug Stützstrümpfe, keiner war antikoaguliert bzw. mit niedermolekularen Heparinen behandelt. Fünf Patienten nahmen Azetylsalizylsäure (50 bzw. 100mg), zwei Patienten Statine; sechs Patienten hatten eine unbehandelte Hyperlipidämie. Fünf Patienten wiesen einen BMI über 30, jedoch 13 Patienten einen Bauchumfang über 90 (Frauen) bzw. über 100cm (Männer) auf. Drei Patientinnen standen unter Hormonersatztherapie. Individualstrategie nutzlos. Daraus ist zu folgern, dass zwar Personen mit hohem VTE-Risiko sicherlich prophylaktisch behandelt werden sollten. Jedoch schließt ein niedriges individuelles Risiko eine Reisethrombose (auch bei jungen, gesunden, sportlichen Personen) keineswegs aus, so dass die Individualprophylaxe aufgrund der Risikoerhebung bestenfalls von begrenztem Wert sein dürfte. Massenstrategien gegen Reisethrombose sind andererseits eine Kostenfrage. Der Stützstrumpf zeigt bei völligem Fehlen von Nebenwirkungen eine „number needed to treat“ (NNT) von 10.000 und eine relative Risikoreduktion (RRR) von 60%. Heparin weist eine NNT von 8.500 und eine RRR von 70% auf.
5. Niedermolekulare Heparine
Aus dem Gesagten lässt sich für die Praxis ableiten, dass eine VTE-Prophylaxe vor längeren Reisen im Zweifelsfall eher etwas großzügiger gehandhabt werden sollte. So können durchaus in verschiedenen Situationen, die per definitionem in die Klasse des mittleren Risikos fallen, z.B. bei VTE in der Anamnese, im höheren Lebensalter oder bei einer Körpergröße > 190 bzw. < 160cm niedermolekulare Heparine (LMWH) verabreicht werden. Als Schema gilt: halbe therapeutische Dosis (d.h. 100IE/kg) sc. zwei bis vier Stunden vor Reisebeginn. Bei sehr langen Reisen kann (abhängig von der Halbwertszeit des LMWH) nach etwa zwölf Stunden eine weitere Dosis verabreicht werden.
Pharmakologie.
Sowohl unfraktioniertes Heparin (UFH) als auch LMWH sind inhomogene Gemische von Molekülen unterschiedlicher Kettenlänge. Die „critical chain size“ für LMWH liegt bei einem Molekulargewicht von etwa 6.000 Dalton, das von einem möglichst geringen Anteil der Molekülketten überschritten werden sollte. Je höher der Anteil an leichteren, kürzeren Ketten, desto höher auch die Ratio der Hemmwirkung auf Faktor Xa zu Faktor II (Thrombin). Je höher diese Ratio ist, desto geringer ist erfahrungsgemäß das Blutungsrisiko. LMWH mit einem hohen Anteil an kürzeren Ketten (z.B. Bemiparin) haben auch eine längere Halbwertszeit (5,3h für Bemiparin, vs. 3-4h für die meisten anderen LMWH). Die heparininduzierte Thrombopenie (HIT) kommt unter LMWH deutlich seltener vor als unter UFH, in jedem Fall aber erst frühestens nach einigen Tagen kontinuierlicher Therapie. Ist eine HIT jedoch unter UFH aufgetreten, darf auch kein LMWH gegeben werden (Kreuzreaktivität möglich).
Datenlage.
Die MEGA-Studie war eine retrospektive Fallkontrollstudie mit 1.906 VTE-Patienten unter 70 Jahren, deren Partner als Kontrollgruppe dienten. Die Rate an Reisethrombosen betrug knapp über 12%. Die Risikoerhöhung durch Reisen allein lag etwa bei einem Faktor 2. Das Risiko bei Flugreisen war etwa gleich hoch wie bei Bahn-, Auto- oder Busreisen gleicher Länge. Ein erhöhtes Risiko zeigten Personen mit Gerinnungsstörungen (Faktor V Leiden), mit einem BMI > 30, einer Körpergröße > 190 oder < 160cm und Frauen, die orale Kontrazeptiva einnahmen, weiters auch ältere Personen, Schwangere und Patienten mit malignen Erkrankungen oder nach großen Operationen.
In der LONFLIT 3-Studie wurde eine Prophylaxe mit dem LMWH Enoxaparin mit ASS und einer Kontrollgruppe verglichen. Dabei zeigte sich ein signifikanter Unterschied zugunsten von Enoxaparin: Während unter dem LMWH keine einzige tiefe Venenthrombose aufgetreten war, waren es unter ASS knapp 4% und ohne Prophylaxe knapp 5%. Allerdings waren 60% der tiefen Venenthrombosen klinisch stumm.
Univ.-Prof. Dr. Hugo Partsch Ehem. Leiter d. Dermatologischen Abteilung, Wilhelminenspital, Wien
Univ.-Prof. Dr. Helmut Sinzinger Univ.-Klin. für Nuklearmedizin, MU Wien
Univ.-Prof. Dr. Mehrdad Baghestanian Univ.-Klin. für Innere Medizin II, MU Wien
Redaktion: Dr. Norbert Hasenöhrl
1) Schwarz T et al.: Venous thrombosis after long-haul flights. Arch Intern Med 2003;163(22):2759-2764
2) Martinelli I et al.: Risk of venous thromboembolism after air travel: interaction with thrombophilia and oral contraceptives. Arch Intern Med 2003;163(22):2674-2676
3) Sinzinger H et al.: The economy class syndrome - a survey of 19 cases. Vasa 1999;28(3):199-203
4) Cannegieter SC et al.: Travel-related venous thrombosis: results from a large population-based case control study (MEGA study). PloS Med 2006;3(8):e307.
5) Cesarone MR et al.: Venous thrombosis from air travel: the LONFLIT3 study - prevention with aspirin vs low-molecular-weight heparin (LMWH) in high-risk subjects: a randomized trial. Angiology 2002;53(1):1-6
Dieser Fachartikel wurde vom ÖGAM-Editorboard für das DFP approbiert. ReviewerInnen:
Dr. Barbara Hasiba
Dr. Arnold Puri
Dr. Klemens Wolfram
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© MMA 2006, ärztemagazin 2/2007